Der Turmbrand
Nach dem Brand: "mehr als dies" und: "jetzt erst recht!"
Gemeinsame Erklärung von Kirchenvorstand, Mitarbeitern und Pfarramt
St. Johannis
Im letzten Gottesdienst vor dem Brand am Samstagabend wurde in St. Johannis
das neue Kirchentagslied des Liedermachers Heinz-Rudolf Kunze zitiert
zu der Frage, ob und wie man Gott auch angesichts von Leid und Schuld
in dieser Welt bekennen könne. "Hör, was dir die Zukunft
sagt: mehr als dies. Mehr als jetzt und mehr als hier. Mehr als dies.
Und mehr als wir. In uns scheint ein Licht, das verlier'n wir nicht, weil
es jemand gibt, der uns immer liebt."
"Der uns immer liebt" - und dann wenige Stunden später
der Brand. Das Unvorstellbare geschieht: der mit Millionenaufwand nahezu
fertig renovierte Nordturm der Johanniskirche steht in Flammen. Viereinhalb
Jahre Arbeit umsonst - und wir hatten uns schon so darauf gefreut, am
30. April mit den Göttingern das Ende der Bauzeit zu feiern. Viele
reagieren verständlicherweise mit Wut und Zorn, und auch wir von
der St.-Johannisgemeinde sind tief getroffen. Der Brand ist eine Katastrophe
für alle Menschen, die an diesem Göttinger Wahrzeichen hängen
- und erst recht für uns, die wir in den letzten Jahren so viel an
Engagement und Zeit in die Renovierung investiert haben. Und doch hat
Heinz Rudolf Kunze recht: es gibt jetzt auch für uns "mehr als
dies", und dieses "mehr" soll sich für uns in einem
getrosten "jetzt erst recht" bewähren.
Jetzt erst recht danken wir Gott für seine Fürsorge und Bewahrung:
wir danken dafür, dass kein Menschenleben zu Schaden gekommen ist
durch den schlimmen Brand; danken, dass der aufopferungsvolle Einsatz
der Feuerwehr und aller anderen beteiligten Kräfte dadurch belohnt
wurde, dass der Turmhelm nicht heruntergestürzt ist und das Feuer
nicht auf andere Teile der Kirche übergreifen konnte;
wir danken, dass die Löschwasserschäden sich im Rahmen halten
und danken auch für die überwältigende, vielfältige
und wohltuende Anteilnahme vieler Menschen, die uns gut tut und Kraft
gibt.
Jetzt erst recht beginnen wir zusammen mit den Handwerkern, mit denen
wir ein Stück zusammengewachsen sind im Laufe der langen Bauzeit,
mit dem Wiederaufbau und versuchen, nach vorne zu blicken, auch wenn unsere
Seele noch keine Worte gefunden hat für das, was geschehen ist
Jetzt erst recht nutzen wir im Rahmen des Möglichen die durch Löschwasser
lädierte Kirche zu Veranstaltungen und Gottesdiensten. Leider ist
bisher nur der Altarraum zu nutzen - aber das ist besser als nichts.
Jetzt erst recht stehen wir dazu, dass zwar zu den "Alten" gesagt
ist "Auge um Auge, Zahn um Zahn", aber dass wir das Böse
mit Gutem überwinden sollen - ganz gleich, wie groß unsere
Verletzungen und unsere Wut auch sein mögen.
Jetzt erst recht stehen wir dazu, dass nicht "die Jugend" und
auch nicht "die Gesellschaft", sondern zwei einzelne Täter
für den Brand verantwortlich zu machen sind
Jetzt erst recht stehen wir dazu, dass auch noch so schwere Schuld vergeben
werden kann und ein Neuanfang immer möglich sein muss.
Jetzt erst recht gelten unser Mitgefühl und unsere Gebete auch den
Tätern und ihren Familien.
Der Turm ist ausgebrannt. Zwei Menschen sind daran schuld. Auch für
sie gibt es, wie für uns alle, "mehr als dies".
In diesem Sinne und darum: "jetzt erst recht", meinen Kirchenvorstand
und Mitarbeiter von St. Johannis, Pastor Rudolf Grote und Superintendent
Wolf-D. Köhler
| In Kürze: Fotodokumentation |
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